AG MINIFOSSI
Arbeitsgemeinschaft Mineralien, Fossilien, Gold & Fortifikation
- Arbeitsgemeinschaft besonders befähigter Schüler -
Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim
Werkrealschule
D- 79650 Schopfheim

Fachbereich 3
Landeskundlich orientierte Projekte
Beispiel

Historische Glashütten und Wuhre

Heute erinnern nur noch wenige Orts-, Flur- und Gewässernamen an das
Jahrhunderte lang ausgeübte Kunst-Handwerk der Glasherstellung.

Wir haben auf speziellen Sonderseiten unseres Kooperationsmodells unter  

http://www.jugendheim-gersbach.de/Jugendheim-Gersbach-Ausfluege.html

umfangreiche und interessante Informationen über das grüne Waldglas zusam-

mengestellt. Viele Trinkgläser des 14. - 17. Jahrhunderts können Sie dort auch als 

exzellente Replike (Replicas, Nachbildungen) betrachten.


Aktuell begleiten wir ein Leader-Plus-Projekt der Gemeinde Gersbach, das geplante

Wald-Glas-Zentrum - unser Direktlink informiert Sie ausführlich

 


Weiterhin haben wir eine weitere Sonderseite zusammengestellt, die Wappen und Embleme
mit Glasersymbolen aus Baden-Württemberg - insbesondere aus der Schwarzwald-Region - 

zeigt.


Glasschmelze aus dem Fetzenbacher Saugrabenbach
        Foto: AG Minifossi, Bildbreite 15 cm

Aus unserem Archiv: 

Gersbacher Glas und Gersbacher Gold


TEIL 1


„Einfach großartig!“ - so das einhellige Urteil der Experten:
Bei einer  gemeinsamen Geländeexkursion im Gersbacher
Forst untersuchten drei professionelle Glasspezialisten die
Standorte jener vier historischen Glashütten des 14. und
15. Jahrhunderts, die im Vorfeld von den Schopfheimer
Minifossis erkundet worden waren.  Auch die für die
Glashütten lebenswichtigen Wasserzuleitungen, die Wuhre,
waren in die umfangreichen Forschungsarbeiten der
Friedrich-Ebert-Schüler einbezogen worden. Das Projekt
„Gersbacher Glas und Gersbacher Gold“ läuft als
landeskundliche Forschungsarbeit bereits seit über
einem Jahr und konnte nun erfolgreich abgeschlossen
werden.

Neben Dr. Schmidt-Thomé, Leiter der Archäologieabteilung
des Mittelalters im Landesdenkmalamt (LDA), konnten die
Minifossis auch Dr. Jenisch begrüßen, dem
Glashüttenspezialisten des Freiburger LDA sowie
Dr. Maus, Geologiedirektor i. R.  und heute renommierter
„Waldglas“-Kenner. Nach drei Stunden intensiver Begehung
der verschiedenen Standorte war für alle drei Experten klar,
dass hier -  vermutlich an der  Grenze vom Mittelalter zur
Neuzeit - mehrere Glashütten ihr Glas produzierten.

Günstige klimatische und geologische Untergrundverhältnisse
 ließen hier die bei den Glasern bevorzugten Buchen wachsen.
Die Vielzahl der Köhlerplatten - über 200  im Gersbacher
und Todtmooser Waldgebiet - verdeutlicht  die starken
Nutzung des einstigen Buchenwaldes zur Gewinnung von
Holzkohle und Pottasche. Beide waren die natürlichen
Grundlagen für die erfolgreiche Existenz der Glashütten.
Wobei die Köhlerei noch lange nach dem Abwandern der
Glaser weiter gearbeitet hat -  bis in dieses Jahrhundert.



Glasfund aus dem Saugrabenbach
Foto: AG Minifossi

Obwohl die in Gersbach bekannten, chronikähnlichen
Aufzeichnungen des Wilhelm Kneusslin von 1906, allerdings
sehr vage und ohne genaue Ortsangabe, noch von 6 - 8
Glashüttenstandorten berichten, konnten bislang erst vier
eindeutig zugeordnet werden. So findet man bei den einen
noch interessante Relikte aus der Glasproduktion, bei
anderen dagegen weisen nur noch die  Gewann- und
Flurnamen auf das ehemals betriebene Gewerbe hin.
Insgesamt aber eine überaus vielversprechende
Ausgangsposition für weitergehende Forschungsarbeiten,
die nun in der Obhut des Landesdenkmalamtes laufen werden.



Ohne die tatkräftige und fachkompetente Unterstützung
vieler ausserschulischer Experten wäre dieser erneute
Erfolg der Friedrich-Ebert-Schülern sicher nicht
zustande gekommen: So führte Werner Sutter,
Forstamtmann i. R. und ehemals Gersbacher
Revierförster, die Minifossis in die interessante
Geschichte des Gersbacher Waldes ein. Und der
jetzige Forstinspektor Jörg Gempp erkundete
gemeinsam mit den Schülern nicht nur viele
Köhlerplatten, sondern erläuterte praxisnah und
Vorort die komplexen Zusammenhänge zwischen
den geschichtlichen und aktuellen Spannungsfelder
von Ökologie und Ökonomie. Auch das Forstamt
Todtmoos hat mit einer speziellen Kartierung von
Köhlerplatten auf der Todtmooser Waldseite den
Minifossis gezielt und so in dankenswerter Weise
weitergeholfen.


In Dr. Schlageter, dem bekannten Montanhistoriker
aus Lörrach, fanden die Minifossi - wie schon bei
der Erforschung des Schatzstein von Todtnauberg -
einen ausgezeichneten Kenner der Gersbacher
Namensgeschichte und der historischen Bezüge zur
Glasmacherei. Auch der Rickenbacher Ulrich Siegener
von der Forschungsgemeinschaft Dinkelberger Karst
trug mit vielen Details wichtiges Wissen bei, ohne
die genaue Einordnung der geschichtlichen
Zusammenhänge mit dem Bergbau und der
besonderen geologischen Situation von Gersbach
nicht möglich gewesen wäre.


Für die Schopfheimer Minifossis geht so wieder
auch ein  facherübergreifendes Projekt zu Ende:
Neben den Glashütten, Wuhren und Köhlerplatten
wurde auch die besondere geologische Situation
des Gersbacher Gebietes und des Wehratales mit
in die Untersuchungen einbezogen. So konnte neben
eigenen Prospektionen auch mit Hilfe des
Mineralienkenners Eugen Holdermann aus
Schopfheim nachgewiesen werden, dass die
„Silberlöcher“ ihren Namen zurecht tragen.
Das Mineral Galenit war hierbei der gesuchte
„Schlüssel“. Für den ortsnahen  „Silbergraben“
ist dagegen ein um 1350 in Gersbach begüterter
Heinrich Silber der Namensgeber.


Spektakulär waren die vier erfolgreichen
Gold-Erstnachweise in Gersbacher Bächen
und Wuhrzuläufen. Um der Herkunft des Goldes
genauer zu erfassen, wurden gezielte Prospektionen
unternommen, die selbst auch Todtmoos einbezogen.
Hier half  Franz Falkenstein aus Dogern, ein
Montanspezialist und profunder Kenner der
Todtmooser Nickelerzgruben, den Minifossis
weiter. Und gemeinsam mit Dr. Werner vom
Geologischen Landesamt werden die Funde nun
wissenschaftlich eingeordnet und ergeben einen
weiteren Mosaikstein in der Entstehungsgeschichte
des seltenen Schwarzwälder Goldes.


Mit den zwei Gold- und Analyse-Spezialisten aus
der Schweiz, Markus Glauser aus Dornach und
Dr. Pock, beides langjährige Kooperationspartner von
Minifossi, konnten so - gemeinsam mit dem Geologischen
Landesamt und der Bundesanstalt für Geowissenschaften
und Rohstoffe (BGR) in Hannover - neue wichtige
Erkenntnisse erzielt werden. Die Bundesanstalt für
Geowissenschaften und Rohstoffe ist die zentrale
geowissenschaftliche Institution der Bundesregierung
und begleitet die Edelmetallsuche der Minifossi mit
großem Interesse. Sie wertet derzeit alle
Schwerkonzentratproben der Schopfheimer
Schüler in einem speziellen Projektprogramm
gezielt nach seltenen Mineralien aus. Hierbei
ist die optimale Internet- und E-Mail-Verbindung
für die Minifossi von großem Nutzen.


Die vielfältigen Kooperationen und die enge Zusammenarbeit
mit wissenschaftlichen und staatlichen Einrichtungen sind
zum Erfolgsrezept der Schopfheimer Arbeitsgruppe geworden.
Das fachübergreifende und viele wissenschaftliche Disziplinen
verbindende Band, das Minifossi in den vergangenen 18 Jahren
beständig regional und international geknüpft und ausgebaut hat,
lässt wohl auch für die Zukunft sicherlich noch so manche
Überraschung zu.



"Tierische Archäologen im dunklen Tann":
Maulwurfshügel mit Holzkohleresten -
erste Anzeichen einer historischen
Köhlerplatte (Messlatte 1 Meter)
Foto: AG Minifossi


TEIL 2


Einen unerwarteten Volltreffer landeten die Minifossis
der Schopfheimer Friedrich-Ebert-Schule mit dem
Zeitungsaufruf  vom 29. Mai 1998, in der sie die
Bevölkerung aufriefen, aufgesammelte Glas- und
Keramikfundstücke der historischen Glashütten der
Schüler-AG für weitere Forschungsarbeiten zur Ver-

fügung zu stellen.



Dabei war es eher die Ausnahme, dass Fundbesitzer
auch die Form der anonyme Fundabgabe wählten.
Insgesamt ergab dies 18 Einzelstücke von Oberflächenfunden,
die erst in den letzten Jahren gemacht wurden. Doch dann
meldete sich telefonisch ein hochbetagter Zeitzeuge, der vor
etwa 20 Jahren - gemeinsam mit einem Freund - an einem
der alten Glashüttenstandorte eine gezielte Grabung
durchgeführt hatte. Immerhin wurde dabei doch schon
eine Tiefe von bald einem Meter erreicht und genau auf
die restliche Anlage des  Schmelzofens der Glashütte
gestoßen. Eine mitten in dem Grabungsbereich wachsende
Fichte war jedoch der unliebsame Grund dafür, dass die
Grabung unfreiwillig abgebrochen werden musste: Der
zuständige Förster befürchtete, dass der Baum umstürzen
könne und untersagte ein weiteres Vordringen in den
Wurzelbereich. Gleichzeitig erkrankte der Initiator und
so endete der Versuch, dem Rätsel des Gersbacher
Glases genauer auf die Spur zu kommen.


In dem nachfolgenden persönlichen Gedankenaustausch
wusste der rüstige Heimatforscher noch sehr viele
interessante Details zu erzählen - so  über die Aufzeichnungen
des Wilhelm Kneusslin, der wichtige geschichtlich-kulturelle
Ereignisse in und über Gersbach gesammelt hat. Deshalb
kann man nun endlich eine Kopie der chronikähnlichen 75
Seiten, ergänzt durch wertvolle Hinweise, auch der Leiterin
der Städtischen Museums, Frau Dr. Ulla Schmid, weiterreichen.
Ebenso wie Belegstücke der Glashütten - so bald diese das
Landesdenkmalamt wissenschaftlich erfasst hat. Dazu gehören
dann auch die fünf Erstnachweise von Goldfunden, die in Gersbach
durch die AG Minifossi nachgewiesen werden konnten.


Die Minifossis erhielten durch diesen wichtigen Zeitzeugen
auch interessante Informationen über weitere an Grabungen
beteiligte Personen und Hinweise auf bislang unbekannte
Fundorte. So erinnerte sich der Pensionär  überraschend an
Funde in einen Gersbacher Bereich, von dem man bislang
ausging, dass lediglich nur noch die Flurnamen das ehemals
traditionsreiche Glaserhandwerk bezeugten.


Insgesamt übergab er 36 Fundstücke, darunter auch die für
die Spezialisten vom Landesdenkmalamt wichtigen Teile
des Ofens sowie der Belüftung. Damit können sich die
Experten - nun besser informiert - der Rekonstruktion dieser
Anlage widmen. Auch für das Landesdenkmalamt ergaben
sich so neue Aspekte, da der engagierte Freizeitarchäologe
gezielte Hinweise auf weitere Grabungsversuche - auch
außerhalb der Glashüttenthematik - geben konnte.


Mit dieser unerwartet ertragreichen Reaktion auf den
Rückruf in der Zeitung haben die Minifossis wirklich
nicht gerechnet - um so größer ist die Freude: Die jetzt
zurückgegebenen 54 Einzelteile tragen nun als neue
"Mosaiksteinchen des Wissens" mit dazu bei, den
damaligen Produktionsprozess der alten Gersbacher
Glaser genauer  zu beleuchten.

Kontrolle der Funktionstüchtigkeit
des Scherwuhres
Foto: AG Minifossi


TEIL 3

Über 400 Jahre alt:
Das Gersbacher Scherwuhr
- Mitten im Wald ein
wassertechnisches Kulturdenkmal -


Das Wuhr ist die alemannische Bezeichnung für eine
„Wasserbeileitung“. Die Wuhre oder Wühre spielten
vor allem im 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle im
Bergbau. Sie dienten zur Wasserhaltung und Schachtförderung
sowie zum Antrieb von Pochwerken und Blasebälgen.
Vor allem im Harz, in Sachsen und Böhmen war diese
Form der Wasserbeileitung im Bergbau bestens bekannt. 


Aber auch im Schwarzwald. Auch hier finden sind
beeindruckende Anlagen im Todtnauberger
Silberbergbau und im „Erzkasten“ vom Schauinsland.
Im benachbarten Hotzenwald entstanden bereits im
14. und 15. Jahrhundert kilometerlange Wuhranlagen.
Neben den montanhistorischen Wühren der Bergleute
wurden die Wuhre im Schwarzwald aber auch von
den Bauern gezielt zur Bewässerung, Düngung und
schnellen Schneebefreiung von Matten und Wiesen
eingesetzt.


Das Gersbacher Scherwuhr wird erstmals 1572 als
das „Scherren wuer“ namentlich benannt, doch die
berechtigte Vermutung liegt nahe, dass die Anlage
wesentlich früher bereits schon bestanden hat. Das
Wuhr ist durchschnittlich 1 Meter breit und 30 - 50
Zentimeter tief. Es lieferte mit einem Gefälle von
durchschnittlich zwei Prozent den Wiesen und
Matten des Dietenschwander Gewannes das
ganzjährig notwendige Wasser, um so - wahrscheinlich
schon im Mittelalter - an der Südostflanke des
Dietenschwander Kopfes erfolgreich Landwirtschaft
treiben zu können.


Die Wuhranlage ist eine wassertechnische Meisterleistung,
die das Wasser von insgesamt neun Quellzuläufen aufnimmt
und so dem Dietenschwander Gewann über das ganze
Jahr kontinuierlich Wasser zuführen kann. Auf insgesamt
1.900 Metern Länge wird das Wasser von 980 Höhenmetern
hinunter auf  905 Meter tiefer geführt. Wobei das Gefälle
stets so gewählt wurde, dass die Erosionskraft das Wuhrbett
nicht tiefer legte, gleichzeitig aber auch durch eine ausreichend
schnelle Wasserführung die Sedimentierung von Schlamm
oder Sand vermieden wurde. Nach über 400 Jahren kann
man heute noch die optimale Funktionalität der Gesamtanlage
bestaunen, die bis in unser Jahrhundert zur Bewässerung
herangezogen wurde.


Das Scherwuhr lässt sich in vielen Details im Gelände
verfolgen, angefangen vom Schlüsselbächle bis zur
Außenmatte von Dietenschwand. Für viele ist das Wuhr
nur ein „Wassergraben“ im Wald, für entdeckungsfreudige
Jugendliche aber ein spannendes Erkundungsprojekt.
Im Rahmen ihrer historischen Forschungsarbeiten im
Gersbacher Raum haben die Schopfheimer
Friedrich-Ebert-Schüler der Arbeitsgemeinschaft
Mineralien, Fossilien und Gold, besser bekannt unter
ihrem Kürzel „Minifossi", nun das Scherwuhr erkundet
und erstmals vermessen und kartiert.


Inwieweit das Scherwuhr und das Dietenschwander
Gewann auch die Ansiedlung von Glashütten und
Köhlerplätzen begünstigte, sollen weitergehende
Untersuchungen zeigen. Denn nicht nur Mensch, Tier
und Anbaupflanzen mussten mit dem lebenswichtigen
nassen Element versorgt werden. Man brauchte ebenso
 das Wasser zur Pottasche-Gewinnung und Glasherstellung.
Damit stellt sich aber auch die bekannte „Henne-oder-Ei-

Frage“,ob zuerst die Glaser den Wald rodeten und dann die
sogenannten „Mänebauern“ (Männebauern, Menebauern, Menne-

bauern) das Land offenhielten.



Oder die Glashütten erst danach die idealen Voraussetzungen von
Wasser, Rohstoffnähe und Produktionsmöglichkeit zur
Ansiedlung nutzten. Derzeit werden von Minifossi neben
den hydrologischen auch die geologischen Gegebenheiten
der Raumschaft untersucht. Um die Wissenslücken zu
schließen, setzt man bei Minifossi nicht nur auf die
bewährte Kooperation mit den Freiburger Spezialisten
vom Landesdenkmalamt und vom Geologischen Landesamt.
Auch geschichts- und forsterfahrene Gersbacher unterstützen
dieses Projekt, das den Schleier über ein fast vergessen
gegangenes Kulturgut wieder hebt. Die Minifossis hoffen,
bis zum Sommer ihre Arbeit in Gersbach erfolgreich
abschließen zu können.

Minifossis bei Vermessungsarbeiten
am Scherwuhr
Foto: AG Minifossi


TEIL 4
Erste wissenschaftliche Datierung

Neben den Bauern, den Bergleuten und den Köhlern waren
die Gersbacher Glaser ein ebenso wichtiger Pfeiler der
Gersbacher Berufs- und Bevölkerungsstruktur. Auch die
Herstellung des „grünen Wälderglases“ prägte die kulturelle
Geschichte im südlichen Schwarzwaldes mit, genauso wie
das handwerkliche Können und die Tradition unserer Region.
Später oft verwoben in verwandtschaftlichen Beziehungen zu
den umliegenden Dörfern und eingebunden in die vielfältigen
sozialen Prozesse menschlichen Mit- und Nebeneinanders
zeugen heute nur noch die Familiennamen von der einstigen
Herkunft und ihrem Beruf. 


Die intensive Spurensuche der Schopfheimer Minifossis der
Friedrich-Ebert-Schule und die bewusst angestrebte
fachwissenschaftliche Fundsicherung und Kooperation mit
dem Landesdenkmalamt über zwei Jahre haben sich gelohnt:
Die Arbeit der Experten hebt nun langsam den
Jahrhunderte langen Schleier, der über den Gersbacher
Glashütten lag.


Dr. Bertram Jenisch vom Landesdenkmalamt konnte nun
anhand der sichergestellten Fundstücke erstmals eine
zuverlässige Datierung der verschiedenen Fundgattungen
vornehmen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit weisen alle Funde
auf die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wobei das
Glasmaterial überraschend Bezüge zu den am Schluchsee
(Blasiwald) betriebenen Glashütten Muchenland
(1597 – 1622) und Althütte (1622 – 1646) aufweist
und neue Fragen aufwirft:. Kamen die Gersbacher Glaser
von dort?


Die zeitliche Zuordnung bringt nun aber auch Licht in die
Anfänge des über 400 Jahre alten Scherwuhres, das einen
der historischen Glashütten-Standorte berührt und teilweise
freierodiert hat. Das Gersbacher Scherwuhr wird erstmals
1572 urkundlich. Die Wuhranlage ist eine wassertechnische
Meisterleistung, die das Wasser von insgesamt neun
Quellzuläufen aufnimmt und so ganzjährig eine
kontinuierliche Wasserführung garantiert. Auf insgesamt
1.900 Metern Länge wird das Wasser von 980 Höhenmetern
hinunter auf  905 Meter tiefer geführt. Wobei das Gefälle
stets so angelegt wurde, dass die Erosionskraft das Wuhrbett
nicht tiefer legen, gleichzeitig aber auch durch eine
ausreichend schnelle Wasserführung die Sedimentierung
von Schlamm oder Sand vermieden werden konnte. Selbst
nach den urkundlich belegten mehr als 400 Jahren kann man
heute noch die Funktionalität der Gesamtanlage bestaunen,
die noch bis in unser Jahrhundert zur Bewässerung
herangezogen wurde.


Vergleicht man jetzt die vorliegenden Datierungen der
Glashütte und dem Scherwuhr, so kann man nun erstmals
davon ausgehen, dass das Scherwuhr tatsächlich schon zur
Wiesedüngung und Bewirtschaftung des Dietenschwander
Kopfes angelegt wurde, bevor die jetzt erkundete Glashütte
errichtet wurde. Wobei die Frage wohl nicht mehr geklärt
werden kann, inwieweit das Dietenschwander Gewann seine
Entstehung bereits einer schon früher hier errichteten Glashütte
verdankt. Oder eine durch Köhlerei für eine weiter entfernt
arbeitende Glashütte entstanden sein kann. Waren es die
legendären Gersbacher „Mänebauern“, die den
landwirtschaftlich günstig gelegenen Südosthang des
Dietenschwander Kopfes nach dem Weggang der ersten
Glaser bewusst offenhielten?


Auf jeden Fall begünstigte die bereits vorhandene
Wasserversorgung die Ansiedlung der jetzt untersuchten
Glashütte und hinzu kam der vorhandene Buchenwald.
Beides ideale Voraussetzungen für die Köhlerei, die
wiederum zur Gewinnung von Pottasche aus Buchenholz
ständig Wasser benötigte und nur so auch verkehrstechnisch
kostengünstig den für die Glasherstellung unerlässlichen
Rohstoff lieferte. 


Damit entstand am Dietenschwander Gewann eine besonders
günstige Kombination von entscheidenden Standortfaktoren:
Landwirtschaftlich sofort nutzbarer und fruchtbarer Boden
für die lebensnotwendige Selbstversorgung der Glaser mit
ihren Familien und eine ganzjährige gesichert Wasserversorgung
für Pflanzen, Tier und Mensch. Aber auch optimale Bedingungen
für die gewerblich-beruflichen Konditionen: Genügend
Buchenholz für eine ertragreiche Köhlerei und damit die
Grundlage für eine erfolgreiche Glasherherstellung.


Weitergehende Untersuchungen über die chemische
Zusammensetzung der Gersbacher Gläser werden von
Dr. Maus, einem Spezialisten für Schwarzwälder Glas -
in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt -
voraussichtlich bis zum Sommer abgeschlossen. Die
Schüler-AG der Friedrich-Ebert-Schule, auf deren
Initiative die ganze Untersuchung der historischen
Glashütten-Standorte zurückzuführen ist, werden in
den kommenden Wochen nochmals die einzelnen Standorte
sichten und gezielt nach bestimmten Spuren suchen. Die
bereits gefundenen Glashafenbruckstücke, Glastropfen,
durchglühten Ofensteine sowie Ofenkachelfragmente
werden dann als Mosaiksteine ein Gesamtbild ergeben,
die erstmals konkrete Aussagen über die Produktion, die
Glasprodukte, den Glashandel und auch das Leben der
historischen Gersbacher Glaser ermöglichen.


Weiterführende Informationen zum Gold von Gersbach 

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