AG MINIFOSSI
Arbeitsgemeinschaft Mineralien, Fossilien, Gold & Fortifikation
- Arbeitsgemeinschaft besonders befähigter Schüler -
Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim
Werkrealschule
D- 79650 Schopfheim
Fachbereich 2
Montanhistorisch orientierte Projekte
Aus unserem Archiv: Schiner-Schatzstein von Todtnauberg
Motiv aus dem "Schwazer Bergbuch"
Webdesign © Werner Störk 2003Fotos und Grafiken zum
Schatzstein von Todtnauberg
Veröffentlichungen:
AG MINIFOSSI (1997): Der Kreuz- oder Schibefelsen,
auch "Schatzstein von Todtnauberg" genannt
in: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins "
Schau-ins-Land",Freiburg, 116. Jh. 1997, Seite 7 - 28.
STÖRK, WERNER (1997): Der Kreuzfelsen,
auch "Schatzstein von Todtnauberg" genannt.
in: Das Markscheidewesen, Fachzeitschrift für Bergvermessung
und Geoinformation, Lagerstättenbearbeitung und Bergbauplanung,
Gebirgsbewegungen und Bergschäden, 104. Jg., Heft 2, Verlag
Glückauf, Essen, Seite 63 - 69.
Weiterführende Literatur:
ABEL, ULRIKE & RIEDEL, PHILIPP (2002): Bannwald „Scheibenfelsen“
- Forstbezirk Kirchzarten, forstliches Wuchsgebiet Schwarzwald,
Einzelwuchsbezirk 3/10 „Westlicher Südschwarzwald“, Erläuterungen
zur forstlichen Grundaufnahme 1998, Heft 36/2002, Freiburger forstliche
Foschung, Forstwissenschaftliche Fakultät der Universität Freiburg und
Forstliche Versuch- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg
Der Kreuzfelsen oder Schibefelsen,
auch „Schatzstein von Todtnauberg“
genannt
Text ist urheberrechtlich geschützt und darf nur mit Einverständnis des Verfassers
veröffentlicht werden. Fotos und Zeichnungen findet der interessierte Leser in den
oben aufgeführten Veröffentlichungen. © ws -MINIFOSSI 1999
Der Kreuzfelsen
Foto: AG Minifossi
1. Lage
Der Kreuzfelsen (Abb. 1) liegt südlich von Todtnauberg
und östlich von dem gleichnamigen Wasserfall, am
historischen Verbindungsweg zwischen Todtnau und
Todtnauberg, dem Roßweg (Deutsche Grundkarte,
1: 5000, Blatt 8113, 26, Todtnauberg Süd, 34 20,8
Rechts, 53 00 01,2 Hoch). In der Bevölkerung und
der heimatlichen Sagenwelt trägt der Felsen auch
den Namen Schibefelsen und Schatzstein.
Der monumentale Felsblock liegt als markante,
einzelne Landmarke in geographischer Nord-Ost-
Richtung. Seine Stirnseite, welche 15 eingemeißelte
Zeichen trägt, erreicht eine Höhe von 4 Metern und
zeigt nach Süden. Seine weiteren Maße: Rund 2,50
Meter breit und 6 Meter lang. Legt man eine spezifische
Dichte des Granits von 2,7 g/cm3 zugrunde, so kann
der Felsblock mit seinen geschätzten 30 Kubikmetern
ein Gewicht von rund 80 Tonnen erreichen.
Der Felsen ist heute rundum begehbar. Der Boden
steigt von der Südseite terrassenartig mit einer
deutlichen Sprungkante an. Der Kreuzfelsen läuft
keilförmig auf den nordöstlichsten Punkt zu und erhebt
sich dort einen Meter über der Erdoberfläche. Im
Gegensatz zu seiner beeindruckenden Stirnseite ragt
der Felsen an seiner Nordseite mit nur noch zwei Meter
aus dem Boden.
Der Kreuzfelsen liegt inmitten des alten Silberbergbaurevieres
(13. bis 16. Jahrhundert) von Todtnauberg und in der Nähe
der historischen Gauchgruben. Deren Stollenmundlöcher
sind heute noch - in zugemauertem Zustand - zu besichtigen:
Gauch 1 liegt in der Haarnadelkurve der Landesstraße L 126
(Nähe Kiosk, am Pfad zu den Wasserfällen), Gauch 2 westlich
neben dem heutigen Brunnenhaus „Zur Knappenquelle“.
Weitere Stollen in unmittelbarer Nähe zum Kreuzfelsen
wurden letztmals 1781 von VERNIER 2 unter der Bezeichnung
„Hangloch“ beschrieben und galten bis 1996 als nicht mehr
auffindbar. Er hatte bei seinem Besuch zwei Stollen befahren:
Einen auf die Gauchgänge angesetzten Tiefstollen sowie einen
zweiten, aber nicht sehr weit vorgetriebenen Stollen, beide im
Bereich des Wasserfall-Dobels.
2. Sagen um den Schatzstein
Darstellung des Schatzsteines und seiner Zeichen
im „Badischen Sagenbuch“ von
WAIBEL und FLAMM (1899)
Im Jahr 1899 taucht erstmals im „Badischen Sagenbuch“
von WAIBEL und FLAMM 3 die Sage mit einer Darstellung
des Schatzsteines und seiner Zeichen (Abb.2) auf:
„Der Schatzstein im Walde beim Todtnauer WasserfallAls die Franzosen im spanischen Erbfolgekrieg die Waldstädte
zerstört hatten und durch das Wehratal herauf durch den
Hotzenwald zogen, kamen plötzlich beim Todtnauberger
Wasserfall die Österreicher über sie, so daß sie kaum noch
Zeit fanden, ihre Kriegskasse zu bergen.Um die Wende des vergangenen Jahrhunderts erhielt eine
alte Todtnauer Familie, die in der Nähe des Schatzsteines
begütert war, einen Brief von einem französischem Offizier
aus Nancy - der einst sein Quartier in der Familie gehabt -
worin er schrieb, am angegebenen Orte, so und so weit vom
Wasserfall habe das Regiment bei der Überrumpelung durch
die Österreich viel Geld vergraben müssen.Heute noch sucht man - besonders in der Fastenzeit - vergebens
nach den Schätzen, und man erzählt über merkwürdige
Vorkommnisse bei solchen Arbeiten. Die Runen am Stein,
die von rätselhaftem Aussehen und offenbar sehr alt sind,
nimmt das Volk las die Maße an, mittels derer man - sobald
man ihre Anwendung heraus hat - die genaue Lage des Schatzes
leicht bestimmen kann.“ (4)
Ausgehend von der Schatzstein-Sage bei WAIBEL & FLAMM,
geben nachfolgend mehrere Autoren das Sagengut in leichten
Abwandlungen weiter.
Mit HUMPERT erhält die Sage genauere Zeitangaben:„ In der Nähe des Todtnauer Wasserfalles liegt ein mächtiger
Felsblock, der merkwürdige eingemeißelte Zeichen trägt.
Man nennt ihn den „Schatzstein“. Diese rätselhaften Zeichen
sollen die Maße sein, aus denen man die genaue Lage eines
Geldschatzes erkennen könne, der zur Zeit des französischen
Einfalls um 1795 vor den Feinden auf der Flucht vor den
Österreichern vergaben wurde.Man sagte, ein französischer Offizier aus Nanzig (Nancy)
habe ums Jahr 1830 seinen Todtnauer Quartierleuten in
einem Brief die genaue Stelle des vergrabenen Schatzes
bezeichnet. Seitdem ist schon oft, besonders zur Fastenzeit,
dortselbst gegraben worden. Den Geldschatz aber hat noch
niemand gefunden.“ 5
Das von HUMBERT in der Sage eingearbeitete geschichtliche
Ereignis fand 1797 statt. Im Zuge der Französische Revolution
besetzten im Oktober 1796 die Franzosen unter den Generälen
Pichegru und Moreau Todtnau und wurden einquartiert. 1797
fand sich eine versprengte französische Abteilung im Todtnauer
Tal nicht zurecht und ergab sich bewaffneten Todtnauern, die
wußten, dass die Österreicher bereits im Anmarsch waren. Doch
konnten die 600 Franzosen auf ihrem Weg über die Wacht nach
Bernau ihren Bewachern entkommen.6
Im Jahr 1989 werden die „Sagen aus dem Markgräflerland“
von VÖGELY 7 veröffentlicht. Darin enthalten:
„Der Schatzstein“„Kaum hundert Meter von den Wasserfällen bei Todtnauberg
entfernt liegt ein eigenartiger, mächtiger Felsblock, der
Schatzstein. Er trägt merkwürdige, eingemeißelte Zeichen.
Man sagt, hier sei aus den Zeiten der Franzosenkriege ein
Kriegsschatz verborgen. Schon wochenlang hat man danach
gegraben, meist in der Fastenzeit, freilich immer ohne Erfolg.
Erst in jüngster Zeit haben einige Männer die Grabarbeiten
wieder fortgesetzt. Von den rätselhaften Zeichen glauben
manche, es sei die Maße, die man nur richtig erkennen müsse,
um die genau Lage des Schatzes bestimmen zu können.Eine ältere Überlieferung sagt, daß eine alte Todtnauer Familie,
die in der Nähe des Schatzsteines begütert war, um 1800 einen
Brief von einem französischen Offizier aus Nancy erhalten habe.
Der war einst bei der Familie im Quartier gelegen und schrieb
nun, an einem bestimmten Ort, soundso weit vom Wasserfall,
habe sein Regiment bei der Überrumpelung durch die Österreicher
viel Geld vergraben müssen. Begreiflich, daß man daraufhin
mit aller Anstrengung nach dem Schatze suchte.“ 8
In seinem Buch über „Sagen, Märchen, Legenden und Aberglaube
aus Südbaden“ findet man auch bei DETTMER 9 die Sage vom
„Schatz-Stein im Walde beim Todtnauer Wasserfall“:„Als die Franzosen im spanischen Erbfolgekrieg die Waldstädte
zerstört hatten und durch das Wehratal herauf durch den
Hotzenwald zogen, kamen plötzlich beim Todtnauer Wasserfall
die Österreicher über sie, so daß sie kaum noch Zeit fanden,
ihre Kriegskasse zu bergen. Um die Wende des vergangenen J
ahrhunderts erhielt eine alte Todtnauer Familie, die in der
Nähe des Schatzsteines begütert war, einen Brief von einem
französischen Offizier aus Nancy - er hatte einst sein Quartier
in der Familie gehabt - worin er schrieb, am angegebenen Orte,
so und so weit vom Wasserfall habe das Regiment bei der
Überrumpelung durch die Österreicher viel Geld vergraben
müssen.Heute noch sucht man - besonders in der Fastenzeit - vergebens
nach den Schätzen, und man erzählt über merkwürdige
Vorkommnisse bei solchen nächtlichen Arbeiten. Die Runen
am Stein, die von rätselhaftem Aussehen und offenbar sehr
alt sind, nimmt das Volk als die Maße an, mittels derer man,
sobald man ihre Anwendung heraus hat, die genaue Lage des
Schatzes leicht bestimmen kann“.10
Interessant für uns war der auffallend große Zeitsprung innerhalb
der verschiedenen Sagenversionen: Denn bei Überprüfung der
beiden historischen Ereignisse, dem Spanischen Erbfolgekrieg
von 1701 bis 1714 einerseits und dem Briefkontakt des
französischen Offiziers von 1830 andererseits, liegen doch
offensichtlich rund 120 Jahre.
Im Zusammenhang mit den in den Sagen aufgeführten Begebenheiten
überrascht die zeitliche Parallelität mit den zwei Versuchen, den
Todtnauberger Silberbergbau wiederzubeleben: 1717 und 1770
scheitern diese letzten Bemühungen, die Gauchgruben wieder zu
erheben. 11 Sollte es bei der Sagenentstehung hier vielleicht doch
gemeinsame Wurzeln geben? Ist damals der Kreuzfelsen mit seinen
Zeichen, in unmittelbarer Nähe zu den Gauchgruben, wieder vermehrt
ins Bewußtsein der Bevölkerung gerückt? Ahnte man eine Beziehung
zwischen den Gauchgruben und dem Felsen, zwischen dem Bergbau
und den Zeichen?
Da das konkrete Wissen um die wahre Bedeutung der Zeichen am
Stein wohl schon sehr früh verloren ging, wurde - wie so oft bei
Sagen - ein neues historisches Ereignis mit den Zeichen verbunden
- erfolgreich, wie die Schatzgräbereien, die wohl schon kurz nach
Veröffentlichung der Sage verstärkt einsetzten, beweisen. Ausgehend
von dem ersten Sagentext von 1899, ist jedoch davon auszugehen,
dass es bereits vor der Veröffentlichung Schatzgräbereien am Kreuzfelsen
gegeben haben muss.
Dass die Schatzsucher auf Grund der Sage sogar auch im 20.
Jahrhundert am Kreuzfelsen aktiv waren, belegen nicht nur
Presseartikel wie der von 1907 in den „Badische Neueste
Nachrichten“ unter der Überschrift „Schatzgräber im Schwarzwald“:
„In der Nähe von Todtnauberg wird um einen Felsen zur Zeit
fleißig geschaufelt. Ein Mann italienischen Typus gibt nach
einer kleinen Skizze die nötigen Anordnung. Hier soll ein
Schatz gehoben werden, von dem auch die Schwarzwälder
selbst seit Generationen munkeln. Im Felsen befindet sich
eine Inschrift, die bis jetzt noch nicht entziffert werden
konnte. Immer wieder wurde gegraben, bis das Forstamt ein
Verbot erließ. Der Italiener aber hat die Sache geschickt
angefangen. Er hat die Inschrift genau kopiert und sie einem
„großen Gelehrten“ seiner Heimat geschickt. Der soll ihm
verraten haben, daß Inschrift und Zeichnung besagen, daß
hier im spanischen Erbfolgekrieg - der Fundort ist mathematisch
genau berechnet - ein Schatz vergraben sein soll, der nur in
der Heiligen Zeit gefunden werden könne. Immerhin hat der
Italiener die amtliche Erlaubnis erhalten und ist fest überzeugt,
daß er den Schatz findet. Man nimmt lebhaftes Interesse“. 12
Ein anderer Artikel in der Bilderschau der Freiburger Zeitung aus
dem Jahre 1927 informiert ebenso über neue Grabarbeiten am
Schatzstein:
„Von Todtnau, im lieblichen Wiesental gelegen, wo Feldbergs
Töchterlein „Die Wiese“ dieses erste Städtchen begrüßt, führt
ein romantischer Fußweg durch Wald und Felsen zu den
bekannten Todtnauberger Wasserfällen und zu dem Gebirgsdorf
„Todtnauberg“, den Touristen und Wintersportlern nicht
unbekannt. Bevor wir zu den Wasserfällen kommen, gehen
wir, vielleicht hundert Meter von diesen, vom Waldweg links
ab, und kommen so zu einem eigenartigen, mächtigen Felsblock,
der im Volksmund „der Schatzstein“ heißt. Dieser Stein zeigt
uns ganz merkwürdige Einzeichnungen, welches keine kleine
Arbeit gewesen sein dürfte, diese einzumeißeln .... Es geht die
Sage, daß vom früheren Schwedenkrieg her, hier ein Kriegsschatz
verborgen sein muß: es wurden dieserhalb schon öfters
wochenlange Grabarbeiten vorgenommen, jedoch ohne
Erfolg. Auch jetzt haben sich wieder einige Interessenten
zusammengetan, um die Grabarbeiten vorzusetzen. Die
Einzeichnungen sind schon sehr alt und vermodert. Es
können sich auch die ältesten Leute in dieser Gegend
nicht erinnern, woher diese Zeichen stammen und was
dieselben zu deuten haben. Wer enträtselt diese?“ 13
Die Auswirkungen dieser zunächst aus der Romantik
hervorkeimenden, aber auch der jüngeren Schatzgräberei
sind im Gelände immer noch deutlich sichtbar, wobei die
Erdarbeiten zur Stirnseite hin wesentlich intensiver gewesen
sein müssen. Hier vermutete man wohl wegen der Anwesenheit
der Zeichen auch den in der Sage beschriebenen Schatz.
Die letzten bekanntgeworden Grabaktionen sind bis 1932 belegbar.
So findet sich in der Todtnauer Chronik folgender Hinweis: „Bär
war nicht nur ein guter Steiger und Sprengmeister, er konnte auch
mit dem Pendel und der Wünschelrute umgehen. So gab er Proben
seines Könnens am Stimmtisch in Todtnauern Gasthäusern. Unter
seiner Leitung wurden mehrere Grabungen am Schatzstein in der
Nähe des Wasserfalles vorgenommen. Obwohl keine dieser
Suchaktionen erfolgreich war, verstand es Bär immer wieder,
das Interesse an verborgenen Schätzen wach zu halten.“14
Die Grabungen fanden ja zum Teil mit Genehmigung des
Forstamtes statt, das sich auf Grund der angerichteten Schäden
dann jedoch gezwungen sah, ein Grabungs-verbot auszusprechen.
Auch heute gibt es in Todtnau noch Zeitzeugen, die aktiv an
Grabungen teilnahmen oder zumindest davon wußten.
Selbst bei den im Sommer 1995 stattfindenden Vermessungen
am Kreuzfelsen konnten wir am östlichsten Punkt der Steines
eine frische Grabung feststellen. Das dabei entstandene Loch
war 70 Zentimeter breit und führte direkt am Felsen 1,20 Meter
nach unten. Da auf dem frischen, noch feuchten Erdaushub und
im Loch selbst keine Grab- oder Fußspuren von Tieren festzustellen
waren, gehen wir von einem erneuten Versuch aus, den vermeintlichen
Schatz zu heben.
Nimmt man nun den Schatzstein als Kreismittelpunkt an, so ist im
nördlichen Halbkreis oberhalb des Felsens die Erde radial zwischen
8 bis 12 Metern abgetragen worden - rund 300 Kubikmeter. Größere
Steine wurden über den Roßweg hinweggerollt und liegen heute
5 - 20 Meter tiefer. Die vor den Grabungsarbeiten vermutete
Hangneigung von rund 20°, wurde so stellenweise auf 60° - 70°
erhöht. Sicherlich hat auch der jüngste Wegebau den Winkel der
Hangböschung noch weiter beeinflußt.
Die Zeichen am Schatzstein
Foto: AG Minifossi
3. Die Zeichen am Kreuzfelsen
Alle 15 Zeichen des Kreuzfelsens (Abb. 3a) verteilen sich in zwei
Hauptgruppen über die linke und rechte Hälfte der Stirnseite. Sie
haben eine durchschnittliche Tiefe und Breite von 1 - 1,5 cm und
sind sorgfältig eingemeißelt und ausgearbeitet worden. Das kürzeste
Zeichen mißt 4 , das längste 13 Zentimeter. Es überwiegen Maße
mit geraden Zahlen. Alle Zeichen verteilen sich über 1,5 Quadratmeter
und liegen im oberen Drittel der an dieser Stelle fast senkrechten
Felsfläche.
Die zum Teil tafelähnliche Fläche, auf der man die Zeichen
einmeißelte, wurde vermutlich durch eine gezielte Bearbeitung
des Felsblockes erreicht. Eine Einschätzung, die auch Dr.-Ing.
K. PLÄGING von der Rheinisch-Westfälischen Technischen
Hochschule Aachen im Rahmen einer Anfrage der AG MINIFOSSI
teilt: „Die Klüftungen am Felsen lassen den Schluß zu, dass es sich
dabei um Spuren von Abbauwirkungen handeln könnte“.
3.1. Die sieben Meißelmarken
der rechten Hauptgruppe
Es liegt nahe, das auffällige viergeteilten Kreiszeichen (Abb. 3b)
zunächst nur auf den Kreuzfelsen selbst als eigenständigen
Vermessungspunkt zu beziehen und ausschließlich ihm Winkel-
und Richtungsfunktion für die auf ihn zulaufenden anderen
Meißelmarken zuzuweisen. Dies wäre aber ein vorschnelle
Festlegung, die den Weg zu einer Gesamtlösung verbauen würde.
Denn das viergeteilte Kreiszeichen, das dem Felsen wohl auch
seinen dritten Namen „Schibefelsens“ (Scheibenfelsen) gab,
stellt in Wirklichkeit ein Radsymbol dar und ermöglicht mit
dieser Erkenntnis nun auch den bislang unbekannten Ausgangs-
oder Zielpunkt möglicher Messungen genau zu benennen: Es ist
der 1.550 Meter in nordöstlicher Richtung gelegene Standort
des historischen „Großen Radschachtes“ der im 15. und 16.
Jahrhundert auf den vierten Erzgang oberhalb des Todtnauberger
Teilortes Büreten ansetzte. Dieser Gang hatte auch Paralleltrum,
auf welches der kleinere Schacht nordöstlich des
„Großen Radschachtes“ abgesenkt worden war.15
Den Hinweis zur möglichen Deutung des Kreiszeichens als
Rad oder Räderwerk sowie weitere historischen Signaturen
erhielt die AG MINIFOSSI im Zuge ihrer bundesweiten Umfrage
im Januar 1996 von Univ. Prof. Dr.- Ing. P. KNUFINKE vom
Institut für Markscheidewesen, Bergschadenkunde und Geophysik
im Bergbau der Rheinisch-Westfälischen TH Aachen.
Die für die geometrische Lösung wichtigen Dreiecke -
wir verweisen auf die detaillierten Beschreibungen von
Dreieckskonstruktionen bei AGRICOLA16 - entstehen am
Kreuzfelsen bei der Fällung einer Lotlinie durch die Mitte
des Radsymboles und die im rechten Winkel dazu auf die
jeweiligen unteren Endpunkte der drei Meißelmarken
zulaufenden Streckenpunkte (Abb. 4). Daraufhin haben
wir bei den Dreiecken die Alpha-Winkelwerte abgenommen,
auf die AB-Strecke im Punkt A übertragen und dann bis
zum Erreichen der Lotlinie weitergeführt. Dabei wird
deutlich, dass die drei Dreiecke übereinanderliegen und
keinen gemeinsamen C-Punkt im Achsenschnittpunkt des
Rades besitzen. Dies ist auch ein Beweis dafür, dass das
Radzeichen nicht als Vermessungspunkt des Kreuzfelsen
selbst, sondern nur in seiner Funktion als Radsymbol für
den Radschert zu werten ist.
Aufbauend auf dem Wissen um den Ausgangspunkt vom
Radschacht und den Ergebnissen weiteren Messungen im
Februar 1996, fertigten wir entsprechend der erfassten Daten
im Maßstab 1 : 1 die Modelldreiecke aus Zeichenkarton und
erlebten eine Überraschung: Werden diese Dreiecke mit den
AC-Strecken in A auf die zugehörigen Stollenmundlöcher
einer Karte im Maßstab 1 : 5000 angelegt, treffen sie sich
alle exakt im Punkt C, dem historischen Standort des
„Großen Radschachtes“. „Der Radschert, der 1437 als Bi der
oberen radestat bezeichnet wird, also beim Platz des oberen
Rades, welches für die dortige Schachtanlage vor allem der
Wasserhebung diente, da ein entwässernder Tiefstollen damals
fehlte“17. Das dafür benötigte Aufschlagwasser wurde über
eine Hangleitung, dem Radwuhr vom Sunnebach (Schweinebach)
mit einem Kurzstollen durch den Bergsattel des Radschert geführt 18 .
Bei unseren weiteren Arbeiten fiel uns jedoch auf, dass die
Nord-Süd-Linie vom Radschacht zum Kreuzfelsen entgegen
unserer Erwartungen keine Lotfunktion wahrnahm. Unser
Denkmodell setzte aber eine solche Linie voraus, um mit
den Hinweisen von AGRICOLA und seinen Dreiecken
arbeiten zu können.
In dieser Phase erhielten wir einen wichtigen Hinweise von
Dr. KNOTHE aus Freiberg, den wir im Rahmen unseres
Quellenstudiums und der daraus resultierenden direkten
Kontakte mit der Technischen Universität Freiberg als
Autor wichtiger Veröffentlichungen über die Deklination
(Nadelabweichung) kennenlernten. Auf unsere Frage teilte
er mit: „ ...Werte der magnetischen Deklination aus der Zeit
vor 1600 gibt es nur ganz wenige und diese sind recht unsicher.
Für SW-Deutschland dürfte der Wert für das 16. Jhdt. wohl
etwa bei +8° bis + 10° NE gelegen haben, also mag. N östlich
von geogr. N.“
Und tatsächlich: Wird der Winkel bestimmt, der sich aus dem
Schenkel der heutigen, geographischen Nord-Süd-Linie als
Lotlinie und dem der Linie ergibt, die den Radschacht tangiert,
beträgt er genau + 8° NE und belegt nun neben den urkundlichen
Zuordnungen 19 eine zusätzliche Datierung der Meißelmarken
auf das 16. Jahrhundert, bedeutet aber auch die Bestätigung
der Lotfunktion der mag. Nord-Süd-Linie Radschacht - Kreuzfelsen
(Abb. 6, Punkt 1, 10, 11).
Folgt man der mit 15° geneigten Ost-West-Achse der Radscheibe
nach Westen, dann liegt exakt auf dieser Linie der Schenkel eines
mit 270° überstumpfen Winkels, dessen tatsächliche Bedeutung
sich jedoch erst in der Verbindung mit den Zeichen der linken
Hauptgruppe lösen sollte.
Die beiden parallel vertikal laufenden Meißelmarken auf der
rechten Außenseite, in Nähe des Radsymboles, stellen vermutlich
den „Großen Radschacht“ und den zweiten Schacht dar, der
nordöstlich davon abgesenkt worden war.
3.2. Die acht Meißelmarken der
linken Hauptgruppe
Die linke Hauptgruppe besteht aus acht übereinander
angeordneten Meißelmarken. Eine Häufung solcher
Zeichen ist bislang unbekannt, jedoch schreibt
STELLING 20 in seiner Arbeit über den
Tiefer-Julius-Fortunas Stollen des Rammelsberges:
“Auch wurden kombinierte Zeichen, zumeist
übereinander angeordnet, vorgefunden.“ (21)
Der TJF-Stollen wurde im Zeitraum 1486 bis
1585 aufgefahren.
In den Zeichen der linken Hauptgruppe sehen wir die
Funktion einer Kartenlegende und interpretieren sie in
ihrer Reihenfolge von oben nach unten: Die drei
übereinanderliegenden Meißelmarken weisen auf drei
übereinanderliegende Stollen hin. Auffallend sind die
gleichen Abstände zwischen den drei Meißelmarken,
eine Tatsache, die ihre Bestätigung in der tatsächliche
Lage der drei Stollenmundlöcher (Abb. 5, Punkt 5, 6, 7a)
zueinander erhält. Das obere Stollensymbol zeigt als
einziges eine West-Ost-Steigung von 15°, während
die beiden unteren Meißelmarken genau in der
Waagerechten mit 0° liegen. Es liegt ein Bericht
über eine Besichtigung der Gruben am Gauch von
1527 vor, der von drei übereinanderliegenden Stollen
spricht 22.
Die beiden Kreuze (Abb. 5, Punkt 12 und 13) stellen
analog der „Vereinbarungen und Grundregeln“ bei
KNITTEL23 das geologische Streichen und die
Zugrichtung dar, wobei das linke Kreuz für die in
geographischer Nord-Süd-Richtung übereinanderliegenden
Stollen vom Gauchgang 1 und Gauchgang 2 steht,
während das rechte Kreuz die Werte für den Stollen
im Hangloch beinhaltet. Das geologische Streichen
wird bei KNITTEL „mit der Richtung, in der beim
Streichen von Ebenen (geologisches Streichen) die
Ebenen nach links fallen“ und die Zugrichtung „mit
der Richtung, in der beim Streichen von Kompaßzugseiten
der Zug gemessen wird (Messungs-, Zulage-,
Berechnungsrichtung)“ beschrieben. 24 Der Kreuzungspunkt
stellt somit gleichzeitig den Kreismittelpunkt eines Kreises
dar. „Diese Vereinbarungen lagen schon zu AGRICOLAs
Zeiten vor.“ 25
Bei der Darstellung der Zug- und geologischen Streichrichtung,
die sich am mag. Nord orientiert, ist somit bei der Übertragung
in einer nach geographisch Nord ausgerichteten Karte eine Zugabe
von + 8° Nord-Ost erforderlich, um die historischen Verhältnisse
des 16. Jahrhunderts genau wiederzugeben (Abb. 5, MG und GN).
Die kurze und leicht gekrümmte 4 cm lange Meißelmarke direkt
unter dem rechten Kreuz stellt mit großer Wahrscheinlichkeit
den bei VERNIER26 beschriebenen kleineren Stollen im
Hangloch dar. Inwiefern dieser kürzere Stollen eventuell bereits
durch die Auswirkungen des Erdbebens von Basel 1356 in
Mitleidenschaft gezogen wurde und dadurch abging oder andere
Gründe für eine Aufgabe verantwortlich sind, kann nur vermutet
werden. Die Chronik berichtet davon, dass durch das Basler
Erdbeben bei Todtnau „der Berg ingefallen sei“ und
200 Bergleuten daraufhin abwanderten 27. Der Name
Hangloch bezieht sich wohl auf den mittelalterlichen Versuch,
die Probleme der Wasserlösung der Hauptgrube „Zem Bach“
bzw. „Zer Bach“, gemeint ist der Stübenbach oberhalb des
Wasserfalles, anzugehen. Die Gruben auf dem Vorderen
Berg wurden sind etwa um 1450 aufgegeben. 28
Werden die in den beiden Kreuzen angegebenen Werte
analog der Stollenmundlöcher auf eine heutige topographische
Karte im Maßstab 1 : 10.000 übertragen, ergibt sich eine
eindeutige Bestätigung des geologischen Wissens von heute,
aber auch für die Zugrichtungswerte: Die geologische
Streichrichtung ist identisch mit den bei METZ 29
eingetragenen Erz- und Mineralvorkommen bei Todtnauberg
(Abb. 6). Eine weitere Bestätigung findet sich in urkundlich
belegten Schinvorgaben für den Zeitraum von 1500 - 1565 (30).
Die übertragenen Zugrichtungen decken sich exakt mit den
alten Bergbauspuren auf dem Vorderen Berg sowie dem
Schlipf nördlich des Dorfkernes von Todtnauberg, einer
großen Halde aus jener Zeit. Dies gilt auch für die
Zugrichtungswerte vom Hangloch: Sie zielen auf den
Vorderen Berg, dem mittelalterlichen Bergbauzentrum
von Todtnauberg.(31)
Es schließt sich eine in einer auffälligen L-Form
ausgeführten Meißelmarke an. Wir interpretieren
sie als das Stollenende vom Gauch 2 , der kurz vor
dem Schönenbach endet. Die zunächst als nur vereinfacht
gedeutete Wasser- oder Wellendarstellung des unteren
L-Schenkels als Symbol für die Erbstollenfunktion von
Gauch 2, zeigt jedoch bei genauer Betrachtung des
tatsächlichen Bachverlaufes eines überraschende
Aussagekraft (Abb. 5, 11).
Den am unteren linken Ende des senkrechten L-Schenkels
eingemeißelten Punkt deuten wir als Vermessungs- und
Grenzpunkt und sehen in ihm auch den möglichen Standort
einer Lachentanne (markanter einzelner Baum als
Vermessungspunkt, mit einem mit der Axt eingeschlagenen
Kreuzzeichen oder einem eisernen Kreuz am Stamm
gekennzeichnet). Dieser Punkt (Abb. 5, 10) bildete
wiederum mit dem historischen Mundloch von Gauch 1,
das genau geogr. Nord von diesem Punkt sitzt, eine
Lotlinie.
Interessant war für uns die Beobachtung, dass 250
Meter bachauf- und abwärts keine größeren Fichten
festzustellen sind: Jedoch wächst auch heute wieder
eine mächtige, rund 40 Meter hohe Fichte direkt
unterhalb des Stollenmundloches.
Bereits um 1295 wird eine Lachentanne westlich des
unteren Stiebenbaches gegen das Gewann Gauch erwähnt,
ebenso um 1400 sowie 1586. 32 Es liegt daher nahe, dass
auch diese urkundlich mehrfach erwähnte Lachentanne
eine Meßpunktsfunktion zum Kreuzfelsen innehatte und
in einem unmittelbaren Beziehungsfeld zu den von uns
vermuteten Standorten weiterer Lachentannen bzw.
Landmarken einzuordnen ist.
Da die als Meßpunkt gedeutete Meißelmarke auffallend
tief angebracht wurde, kann sie als Lachentanne oder
Steinmarke auch am Gegenufer des Schönenbaches, am
alten Verbindungsweg von Todtnau nach Aftersteg,
gestanden haben: Von dort aus hätte zum damaligen
Zeitpunkt eine freie Sichtverbindung zum Kreuzfelsen
als auch zu den beiden Erbstollen Gauch 1 und Gauch 2
bis hinaus zum Grubengelände des Vorderen Berges
bestanden.
Die Untersuchung des in Frage kommenden Geländes am
10. April 1996 ergab eine Bestätigung auch für diese
Möglichkeit: Genau in geogr. Nord-Süd-Richtung von
Gauch 2 liegt am Kreuzungspunkt des alten
Verbindungsweges mit dem Bach, der das Gewann
„Großmatte“ entwässert, der völlig verwitterte
Wurzelstock einer einstmals mächtigen Fichte
mit einer verkohlten Stammscheibe von 1,20 Meter
Durchmesser, die zu einem für uns nicht mehr
recherierbaren Zeitpunkt gefällt wurde. Daneben
findet sich ein zweiter Baumstumpf mit ca. 60 cm
Durchmesser. In einem Umkreis von 250 Meter
konnten wir auf dieser Seite des Schönenbaches
keine weiteren Spuren großer ehemaliger oder
heutiger Baumstandorte feststellen.
Felsblock am Stübenbach
Foto: AG Minifossi
3.3. Komplexes geometrisches System
Wir waren einerseits überrascht, wie genau sich die in Fel
s gemeißelten Werte umsetzen ließen, stießen jedoch bei
dem abstandsgenauen Übertrag der dargestellten Stollen
auf ein zunächst unlösbares Problem: Wir kannten ja die
heute noch existierenden Mundlöcher von Gauch 1 und
Gauch 2 und waren durch die Darstellung des Gauch 2
überrascht: Sein Mundloch liegt heute relativ genau in
geogr. Nord-Süd- Richtung von Gauch 1, die Meißelmarke
am Kreuzfelsen legt es jedoch deutlich südöstlicher.
Ebenso erging es uns bei Übertrag der Werte für den
vermuteten Hangloch-Stollen : Er würde im oberen Teil
vom Mühleboden-Gewann liegen, dem ehemaligen
Verhüttungszentrum unterhalb des „Gouchs boden“, dem
„müliboden“. Jedoch fanden wir weder in der Literatur
noch durch feldpraktische Untersuchungen einen Hinweis,
der auf die Existenz eines Stollen in diesem Gebiet deutete 33.
Die beiden Stollen, die VERNIER 34 beschrieben hatte,
lagen nachweislich im „Unteren Hangloch“, also erkennbar
nördlicher.
Wir versuchten nun, mit verschiedenen Hypothesen
unterschiedliche Modellmöglichkeiten zu erarbeiten,
um dem Problem beizukommen. Ausgehend von der
Tatsache, dass die beiden Mundlöcher von Gauch 1
und Gauch 2 in der Realität relativ genau
übereinanderliegen, am Kreuzfelsen jedoch mit einer
südöstlichen Abweichung dargestellt werden, zogen
wir den Schluß, dass die gewählte Form der Darstellung
auch vom Hangloch 1 wieder deckungsgleich mit dem
Gauch 2 sein müßte.
Der mögliche Schlüssel lag in dem überstumpfem
Winkelzeichen, das sich - genau der geogr.
Ost-West-Achse der Radscheibe nach Westen folgend
- mit 15° Neigung zwischen dem Radsymbol und
der linken Hauptgruppe befindet. Interessant war auch,
dass sich im Gebiet des Hangloches die übertragenen
Winkelschenkel von Gauch 2 und die vom Hangloch
kreuzten. Da alle geologischen Streichwinkel 15°
betrugen, sahen wir in 15° des überstumpfen Winkels
ein erstes Indiz, dass wir es nicht nur mit einem
einfachen Winkel zu tun hatten, sondern mit einem
unvollständigen Kreuz: Ergänzt man die vorhandenen
Schenkel, sind diese Werte tatsächlich mit dem rechten
Kreuz der linken Zeichengruppe identisch (Abb. 5, Punkt 13).
So übertrugen wir nun den Schenkel auf die geologische
Streichlinie von Gauch 2 so, dass er den bereits vorhandenen
Schnittpunkt mit dem Winkelpunkt des überstumpfen Winkels
deckte (Abb. 5, Punkt 6, 15, 7a, 8, 15). Nun ergab sich ein
Schnittpunkt der genau im Hangloch lag - das aber war nur
geometrische Theorie, zunächst noch ohne Bestätigung durch
konkrete Beobachtungen im Gelände.
Am 9. März 1996 unternahmen wir eine Exkursion in das
in Frage kommende Gebiet. Die Schneedecke war noch
überwiegend zusammenhängend, die Aussentemperatur
betrug minus 4 Grad Celsius. Was wir antrafen überraschte
uns: Genau im errechneten Zielgebiet stießen wir auf eine
dicht am Hangfuß befindliche Mulde von 3,10 x 3,80 Meter,
aus der beständig Wasser austrat. Auffällig daran war, dass
sich trotz geringer Wasserschüttung keine Eisbildung zeigte.
Die nördliche Muldenbegrenzung wies eine Neigung von 45°
und keine Spuren aktiver rückschreitender Erosion auf (Abb. 7).
Wir setzten die uns bekannten Zugrichtungswerte im Gelände
um und stellten dabei fest, dass - ungefähr 15 Meter von unserem
Standort der Quelle - in Blick- und Zugrichtung am Steilhang
der glazial geprägten Böschung, jedoch begrenzt auf eine Fläche
von rund 20 qm - sich deutliche Spuren von Solifluktion zeigten
und entlang der Rutschungen wiederum girlandengleich Schneereste
mit schneefreien Grasflächen.
Dreht sich der Betrachter an diesem Punkt nun 90° nach rechts,
liegt 25 Meter östlich der von seinem Standort (Quellmulde),
direkt am Stübenbach, ein auffälliger, ca. 4 Kubikmeter u
mfassende Felsblock, der - wie der Kreuzfelsen - auch in
Nord-Ost-Richtung zeigt (Abb. 8). Er ist nicht in die
Fließrichtung des Stübenbach eingeregelt, der hier in Nord-Süd
-Richtung verläuft (Abb. 5, Punkt 9). Eine Untersuchung des
Felsen zeigte, dass er nicht im Bachbett liegt, sondern mit
rund einem Meter deutlich höher: Auch ist er mit kleineren
Steinen unterlegt und der einzige Stein dieser Größe in einem
Umkreis von rund 60 Metern. Er trägt keine Zeichen und liegt
direkt auf der Ost-West-Linie der Hangrutschung und ebenso
exakt auf der Ost-West-Linie von Gauch 2.
Wir prüften einen möglichen Zusammenhang zwischen
Stübenbachfelsen, Kreuzfelsen und dem Hangloch und
stellten bei den Messungen folgende verblüffende Funktion
fest: Der Felsen am Stübenbach bildet mit dem Kreuzfelsen
einen rechten Winkel (Abb. 5, Punkt 5a, 9, 1). Gleichzeitig
legt er aber dadurch auch die Lage des historischen
Mundloches von Gauch 1 fest: Der heute sichtbare
Stollenausgang ist durch den Straßenbau der Landesstraße
126 und den durch die Haarnadelkurve bedingten großflächige
Böschungsabbau mit bis zu 40 Metern Höhe freigelegt worden.
Das historische Mundloch liegt somit auch durch die im
Kreuzfelsen verschlüsselten Informationen belegbar südlicher
(Abb. 5, Punkt 5a).
Unter Berücksichtigung der vorgefundenen Indizien gehen wir
davon aus, dass wir den Standort eines der beiden ehemaligen
Hangloch-Stollen (Hangloch 1) wiedergefunden haben sowie
einen belegbaren Hinweis auf das historische Gauch 1-Stollenmundloch.
Entscheidend für unsere Forschungsarbeiten wurde jedoch
eine Beobachtung, die wir bei einer Exkursion am
14. April 1996 machen konnten und die den langgesuchten
„Schlußstein“ für unsere Untersuchungen bedeuten sollte:
Genau an der Stelle, wo wir auf der DG-Karte 1 : 5.000
die mit 13 cm längsten Meißelmarke der rechten Hauptgruppe
maßstabsgetreu übertrugen, liegt im Gewann Mühleboden eine
auffällige Landmarke (Abb. 5, Punkt 7, A3). Sie erhebt sich
mit rund zwei Metern deutlich - und zwar nur an diesem Punkt
- mitten in einem flach nach geog. Süd-Ost auslaufenden
Wiesengewann über das Gelände und besteht heute aus
einer völlig überwachsenen Felsblockgruppe. Inwieweit
sie damals vielleicht auch Standort einer Lachentanne war
oder auch nur in Form einer markanten Steingruppe als
Meßpunkt diente, kann nur vermutet werden.
Jedenfalls hat man von diesem kleinen Hügel freie Sicht
auf den Felsen am Stübenbach, auf Gauch 1 und Gauch 2,
auf den Kreuzfelsen sowie auf die bei Gauch 2 oder am
Gegenufer des Schönenbach vermutete Lachentanne. Somit
gewinnt dieser Punkt eine besondere Bedeutung: Er ist
d e r ideale Ausgangs- und Zielpunkt für alle unterhalb
des Kreuzfelsens liegende Stollen und Landmarken!
Gemeinsam mit der mag. Nord-Süd-Achse, ausgehend
vom Radschacht am Radschert, wird so das gesamte
Todtnauberger Silberrevier durch die Zeichen am
Kreuzfelsen erfaßt und dokumentiert, einschließlich der
Verbindungsstrecke vom Kreuzfelsen über den Felsen
am Stübenbach zum Mühleboden, von dort zu Gauch 2
und dessen Lachentanne und - alles in Sichtweite -
wieder die Verbindung zu Gauch 1 .
Der Felsen am Stübenbach (Abb. 5, Punkt 9) markiert
dabei nicht nur exakt die Lage von Hangloch 1, sondern
durch einen rechten Winkel auch Gauch 1. Deshalb
erscheint am Kreuzfelsen - im Gegensatz zu Gauch 1
und Gauch 2 - das Hangloch 1 nicht als Richtungsmarke
für das Stollenmundloch, sondern als Vermessungslinie
Kreuzfelsen - Mühleboden (Abb. 5, Punkt 1, C3, 7, A3).
Dennoch ist auch das Hangloch 1 am Felsen durch die
Meißelmarke mit dem 270° überstumpfem Winkel der
rechten Hauptgruppe meßtechnisch gesichert: Vom
Stollenmundloch Gauch 2 und den Werten des
geologischen Streichens der rechten Kreuzmarke
(linke Hauptgruppe) ausgehend, markiert er mit dem
Schnittpunkt der Zugrichtungsachse das Hangloch
(Abb. 5, Punkt 7a, 8, 15) .
4. Schwarzwaldgold und Schatzstein
Minifossi bei Vermessungsarbeiten
am Kreuzfelsen
Foto: AG Minifossi
Unsere AG MINIFOSSI (Abkürzung für Mineralien und Fossilien)
beschäftigt sich als freiwillige Arbeitsgemeinschaft an der
Schopfheimer Friedrich-Ebert-Hauptschule bereits seit 18
Jahren (Anmerk.: Aktualisiert) mit der Suche und Bestimmung
von Mineralien und Fossilien, ebenso wie der erfolgreichen
Goldwäsche und Goldsuche. Zu den weiteren Arbeitsgebieten
zählen die Makro- und Mikrofotographie, die zeichnerische
Dokumentation, Quellenstudium, multimedialer Einsatz und
PC-Verwaltung von selbst aufgebauten Archiven sowie einer
eigenen Fachbibliothek. Musemsbesuche und Kooperationen
mit schulexternen Facheinrichtungen im In- und Ausland, ebenso
wie Ausstellungen, prägen das Bild einer fächerübergreifenden
und projektorientierten Struktur. Das Projekt steht Schülern ab
der Klasse 7, entsprechend ihrer Leistung, Eignung und Neigung,
mit dem Schwerpunkt auf die naturwissenschaftlichen Fächer,
offen.
Auf den Schatzstein stießen wir im Rahmen unseres Projektes
„Schwarzwaldgold“, in dessen vierjährigem Verlauf wir
28 Golderstnachweise für den Südschwarzwald erbringen
konnten. Neben der geologisch-petrographischen Überprüfung
der in Frage kommenden Regionen gehört auch die Untersuchung
von Gold-Flur- und Gewässernamen sowie die Einbeziehung
von Sagen zur optimalen Vorbereitungsanalyse der
Waschversuche. Bearbeitet und archiviert wurden dabei zum
Beispiel innerhalb dieses Arbeitsbereiches rund 14.000
Einzelsagen aus dem deutschsprachigen Raum.
Im Zuge der Forschungsarbeiten unserer AG MINIFOSSI,
die als Hauptschule im Begabtenförderprogramm Baden-
Württembergs arbeitet, gab es immer auf unsere Anfragen
immer wieder Erklärungsversuche, die vor allem einen
Zusammenhang der Zeichen mit der konkreten
Gemarkungsgrenzlage des Felsens sahen. Man deutete
deshalb die Zeichen oft als Grenz-, Haus- oder
Waldzeichen.
Andere sahen im germanischen Runenalphabet eine
Lösungsmöglichkeit oder erlebten in der monolithische
Wirkung des Felsens einen keltischen Kultplatz, der
genau in Sichtweite des südlich davon gelegenen
Belchens (Belenus) liegt.
Nur wenige versuchten sie bergbaulichen Aktivitäten
zuzuordnen - jedoch nur vage, ohne fundierte Quellen
oder überzeugende Beweise. Sollte das Rätsel um die
Zeichen wirklich nicht lösbar sein?
Unser nächster Schritt führte uns in die Welt der Zwerge,
Berggeister und Venediger: Innerhalb der montanen Sagen
spielen in allen deutschen Mittelgebirgen die Venediger
eine - im Gegensatz zum Schwarzwald - sehr bedeutende
Rolle. Viele Zeichen und Symbole auf Felsen sollen sie
hinterlassen haben, um ihre Fundstätten wiederzufinden.
Einige der befragten Experten sah auch in den Meißelmarken
am Kreuzfelsen Spuren der Venediger, „Wahlenzeichen“
jener legendären und sagenumwobenen Mineraliensucher
des Mittelalters und der Neuzeit, die ganz Mitteleuropa
nach Kobalt und Mangan absuchten, um mit diesen
begehrten Rohstoffen in den Glasmanufakturen von
Murano das damals kostbarste Glas ihrer Zeit zu
schmelzen.
Nach einer intensiven und vergleichenden Überprüfung
mit bislang bekannten Venedigerzeichen wichen die
Kreuzfelsmarken in ihrer Struktur und Kombination
jedoch so stark davon ab, dass wir von einer Deutung
als Venedigerzeichen Abstand nahmen. Und da es bis
zu diesem Zeitpunkt - weder in der Literatur noch über
unsere Recherchen - keine überzeugende Erklärung für
die Meißelmarken gab, entschlossen wir uns, im Rahmen
einer gezielten Untersuchung dem Rätsel des Schatzsteines
auf die Spur zu kommen.
Mit über 600 Anfragen im gesamten deutschsprachigen
Raum (Universitäten, Institute, Bergakademien, Museen,
Sagenforscher, Fachverlage, Bergmannsvereinigungen,
Forstämter, Chronisten, Experten für Markscheidezeichen,
etc.) versuchten wir, uns möglichst umfassend über die
Geologie, die Besiedlungs-, Bergbau- und
Territorialgeschichte des Schwarzwaldes, insbesondere
aber des Südschwarzwaldes, sowie seiner Sagenwelt zu
informieren - und natürlich stand auch die Frage nach
Felszeichen auf unserer Frageliste.
In den alten und neuen Bundesländern, in der Schweiz
und Österreich fanden wir unsere Ansprech- und
Kooperationspartner: Sagenforscher, Montanhistoriker,
Chronisten, Geologen, Bergbaukundige - allesamt
Spezialisten ihres Faches.
Wir zogen Österreich auch deshalb mit in unsere
Untersuchungen mit ein, da die Herrschaftsverhältnisse
und bergbaugeschichtliche Entwicklung von Todtnau und
Todtnauberg entscheidend durch die Habsburger und
durch sie importierte Bergbauexperten aus Tirol geprägt wurde.
Wir haben zunächst alle auf den Schatzstein konzentrierten
Fragestellungen durch ein umfangreiches Quellenstudium,
aber auch mittels schriftlicher und persönlicher Kontakte
untersucht und innerhalb des dreijährigen Projektes dabei
rund 1.000 Abbildungen und über 1.000 Zeichen zum
Vergleich herangezogen, darunter Wald- und
Murgschifferzeichen aus dem Schwarzwald, Lochsteine
aus dem Harz, Venediger- oder Wahlenzeichen der anderen
deutschen Mittelgebirge, Schwarzwälder Haus- und
Holzzeichen, Markscheidezeichen aus dem Harz und
Tirol, Felsbearbeitungen aus dem Schwarzwald, Odenwald
und der Pfalz sowie über 1.000 Kreuzzeichen aus
Baden-Württemberg.
Interessant war für uns im Vorfeld auch die Frage, inwieweit
die auf dem Kreuzfelsen dargestellten Zeichen möglicherweise
als die drei bekannten Erzgänge A 47, A 48 und A 49 der
Schindelhalde gedeutet werden könnten. 35 Da die
nachfolgenden Ergebnisse aber ein so logisch aufgebautes
Meßsystem dokumentieren, haben wir diese Interpretation
nicht weiter verfolgt.
Fügen wir nun abschließend alle uns vorliegenden
Ergebnisse zusammen, gehen wir davon aus, dass es
sich bei den Meißelmarken am Kreuzfelsen, um
Schiner- oder Markscheiderzeichen aus dem
16. Jahrhundert handelt.
Die Bezeichnung „Schiner“ findet sich erstmals in
einer Bergordnung für Schwaz in Tirol
(Schwazer Erfindung), die Herzog Siegmund 1449 erließ.36
„In der von Kaiser Maximilian I. 1519 erlassenen ersten
gemeinsamen Bergordnung für die Länder Österreich,
Steiermark, Kärnten und Krain ist gleichfalls der Schiner
erwähnt, ebenso in der Bergwerksordnung der Erzstifter
Salzburg von 1532 und in der Ferdinandeischen Bergordnung
von 1553, welche die Maximilianische Bergordnung von
1519 ablöste ... Der Begriff „Markscheider“ taucht in den
Bergrechtsvorschriften zeitlich später als der Begriff
„Schiner“ auf.“ 37
Die Schiner waren gesuchte Bergbauexperten zur Vermessung
von Stollen und Grubenfelder über- und untertage. Sie
entschieden auch über den Stollenvortrieb und somit über
den Erfolg oder Mißerfolg bergmännischer Arbeit einerseits,
andererseits aber auch unmittelbar über Gewinn und Verlust
eines Bergwerkes und seiner Kapitalgeber. Um ihre
wichtigen Meßergebnisse zu sichern, schlugen sie ihre
Markzeichen oder Schinerstufen in die Grubenzimmerung
oder in das anstehende Gestein ein.
Die in dieser Form im deutschsprachigen Raum bislang
einzigartige Kombination von Schinerzeichen stellt - so
unser Untersuchungsergebnis - eine rißähnliche Darstellung
der drei Stollen im Gewann Gauch und Hangloch dar, die
als Gauch 1, Gauch 2 und Hangloch 1 nachgewiesen werden
können. Ebenso ein System von Vermessungspunkten
(Oberer Radschacht, Kreuzfelsen, Felsen am Stübenbach,
Landmarke Mühleboden, Lachentannen).
Es fällt auf, dass nicht nur die Art der Verteilung der
beiden Hauptgruppen der Meißelmarken sehr funktional
vorgenommen, sondern auch natürliche Gegebenheiten
des Felsens mit in die Darstellung aufgenommen wurden.
So stellt eine vorhandene Bruchkante des Felsens auch
die geographische Trennungslinie zwischen den zwei
dargestellten Stollen und der Linie Kreuzfelsen -
Mühleboden unterhalb des Wasserfalles dar, während
die anderen Zeichen oberhalb dieser Linie angebracht
wurden (Abb. 3a).
Wir deuten die Zeichenkombination der rechten Hauptgruppe
des weiteren auch als eine rißähnliche Darstellung von
Gruben und Meßpunkten, die den Übergang zu der
verjüngten (maßstäblichen) Rißdarstellung markiert
(1: 5.000). Sie belegt eine in dieser Form bislang
noch nicht bekannte markscheiderische Darstellung
und damit vermutlich eine besondere Entwicklungsstufe
des historischen Markscheidewesens.
In der Zeichenkombination der linken Hauptgruppe sehen
wir analog der rechten Hauptgruppe eine besondere Form
einer Legende, die zusätzliche und detaillierte Informationen
über Gauch 1 und Gauch 2 sowie über das Hangloch 1
beinhaltet. Das hierbei auch das geologische Streichen
und die Zugrichtung als Meßdaten gesichert wurden,
verstärkt die Aussagekraft und die klare Zuordnung zu
den drei Stollen.
Die Genauigkeit der Winkelangaben, das dargestellte
geologische Streichen und die exakt wiedergegebenen
Zugrichtungen am Kreuzfelsen lassen weiterhin den
Schluß zu, dass diese Meßergebnisse in Form der
Meißelmarken nicht mehr durch das Ausmessen mit
Schüren bzw. Seilen, sondern auf der Basis von
Kompaßmessungen entstanden sind. „AGRICOLA
war 1556 der erste, der ein Orientierungsverfahren
mit dem Setzkompaß ausführlich beschrieb“. 38
Die vorliegende Schinerarbeit zeugt von einem
sehr hohen Niveau der Vermessungskunst, wie sie
zum damaligen Zeitpunkt - so das Ergebnis unserer
Nachforschungen - nur Hallstätter oder Schwazer
Schiner aus Tirol leisten konnten. Wir ordnen die
Schinerzeichen auch deshalb dem Zeitraum von
1500 - 1565 zu, da für diesen Zeitraum und speziell
für den Raum Todtnauberg umfangreiche Berg- und
Grubenvermessungen durch Schwazer und Hallstätter
Schiner urkundlich belegbar sind.39 Eine weitere
Bestätigung sehen wir in den Deklinationswerten
des 16. Jahrhunderts, die eindeutig die damalige
mag. Nord-Süd-Linie Radschert - Kreuzfelsen
beweisen.
Wir gehen davon aus, dass es einen wichtigen Grund
geben mußte, um diese durch ihre komplexe Genauigkeit
bestechende Schinerarbeit übertage am Kreuzfelsen, zu
dokumentieren:
Mit dem Reichstag zu Freiburg 1498, unter dem Vorsitz
von Kaiser Maximilian, gewinnt der Todtnauer
Silberbergbau wieder an Bedeutung. Um die Gruben
ertragreicher zu bewirtschaften, werden Tiroler Schiner,
vornehmlich aus Hallstatt und Schwaz, als Experten zum
Schinen herangezogen. Darunter auch der bekannte Kaspar
HAYMEL, der bis 1516 - gemeinsam mit Jacob HAYMEL
und seinem Vetter Hans HAYMEL d. J. - die Messungen
leitete. Sie müssen sich gegen starke Widerstände der
einheimischen Schiner durchsetzen, die in den
importierten Fachleuten eine nicht zu akzeptierende
Konkurrenz sehen. Heimlichkeiten, Provokationen
bis hin zu Tätlichkeiten kennzeichnen diese Zeit. 40
Finden wir in den HAYMELs die Schiner, die ihr
Können und Wirken bereits in Tirol und nun am
Kreuzfelsen so beeindruckend unter Beweis stellten?
Ein weiterer möglicher Anlaß: Erst 1516 wird der seit
1501 mit allen Mitteln angestrebte Durchschlag des
oberen Tiefstollen (Gauch 1) auf den Radschacht am
Radschert erreicht und mit einem dreitägigen Fest
gefeiert 41 - war dies der Anlaß, dass die Schiner
zum Meißel griffen?
1519/20 fordern mehrere Pestwellen im Todtnauer
Revier zahlreiche Opfer, darunter auch Bergleute
und den Bergrichter. Der Bauernkrieg 1525 geht
nicht spurlos an den Gauchgruben vorbei: Die
Verhüttungsanlagen werden zerstört und 1527
wütet nochmals die Pest: Im selben Jahr verfallen
die Gruben am Gauch und werden von Tiroler
Experten besichtigt. Sie stellen drei Stollen
übereinander fest 42 - war es der Wunsch der
Schiner, ihr Wissen und den Anspruch auf die
Gauchgruben auf diese Weise am Kreuzfelsen
zu dokumentieren?
Die Arbeit in den Gruben steht daraufhin bis 1537
still. Im Jahre 1540 kommt es zu einer neuen Erhebung
der verfallenen und sehr nassen Gauchstollen: Drei
Arbeiter verunglücken und ertrinken. 1564 erreicht
eine neue Pestwelle des Wiesental - der zwischenzeitlich
nochmalige Versuch, die Gauchgruben zu erheben,
scheitert - der Bergbau kommt im gesamten Todtnauberger
Revier zum Erliegen. 43
1717 bleibt ein erneuter Erhebungsversuch wiederum
ohne Erfolg. Letzte Arbeiten am Gauch gab es schließlich
noch in den Jahren um 1770. 44
Noch ein historischer Nachtrag: Mit Ausnahme eines
Schinzuges (Grubenkarte) von der Grube Rotenbach
im Wiesental, wurden alle anderen Grubenrisse des
Todtnauer und Todtnauberger Reviers beim Brand
des k. k. V. Ö. Bergwesens Direktorat zerstört, als
bayerische Truppen 1809 die Stadt Schwaz anzündeten 45
So ging 1809 für immer montanhistorisches Wissen
über unseren Raum verloren, denn auch auf Grubenrißen
- vergleichbar mit dem Harz - wurden Schinerzeichen
oder Markscheiderstufen eingezeichnet. 46
Die Stollen, Schächte und Pingen, aber auch der Kreuzfelsen
sind dennoch (wieder) beredte Zeugen einer Zeit, in welcher
der Südschwarzwald - neben dem Harz und Tirol - zu den
führenden Bergbauregionen jener Zeit gehörte: Geprägt durch
eine lange bergrechtliche Tradition und eine eigene Fach-
und Rechtssprache 47.
Das Landesdenkmalamt hat bereits im Herbst 1995 auf
Grund der ersten Forschungsergebnisse der
MINIFOSSI-AG dieses im gesamten deutschsprachigen
Raum einzigartige montanhistorische Kulturdenkmal
offiziell unter Denkmalschutz gestellt.
5. Anmerkungen & Literaturverzeichnis
1 Unser besonderer Dank gilt Herrn Dr. SCHLAGETER (Lörrach) Bergbauhistoriker, der uns mit Rat und Tat sowie mit seinem umfangreichen montanhistorischen Archiv und Wissen beistand, Herrn Prof. Dr.-Ing. P. KNUFINKE vom Institut für Markscheidewesen, Bergschadenkunde und Geophysik im Bergbau der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (Aachen), Herrn NIEDING (Radolfzell) für die Bereitstellung seiner montanhistorischen Literaturdatenbank, Herrn Dr. KNOTHE (Freiberg) Fachautor für Deklination, Herrn Dr. BARTELS vom DMT, Deutsches Bergbau-Museum, DMT-Forschungsinstitut für Montangeschichte (Bochum), Herrn Prof. Dr. Ing. WALTHER vom Deutschen Markscheider-Verein (Herne), Herrn STROMENGER, Ortsvorsteher von Todtnauberg, Herrn SCHUBNELL (Todtnauberg) Chronist, Herrn DÖRFLINGER (Todtnau), Chronist, Herrn Dr. SCHMIDT-THOME vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg, Herrn Univ. Prof. Dr. Ing.- habil POLLMANN vom Institut für Markscheidewesen der TU Clausthal und Herrn Prof. Dr.-Ing. habil. FENK vom Institut für Markscheidewesen und Geodäsie der Technischen Universität Freiberg.
Unser Dank gilt auch den Experten, die uns trotz gegensätzlicher Meinung an ihrem reichen Wissen teilhaben ließen. Wir grüßen abschließend mit einem besonders herzlichen Glückauf all´ die Menschen, die unsere zwischenzeitlich 18-jährige (Anmerkung: Aktualsiert) Projektarbeit in der Schule wie auch in der Öffentlichkeit kontinuierlich, engagiert und wohlwollend begleiten (1997).
2 J. W. v. VERNIER, Bericht über eine Untersuchung des Bergbauwesens in Vorderösterreich. 1781.Generallandesarchiv Karlsruhe. Abt. 79. Faz. No. 135
3 JOSEPH WAIBEL & HERMANN FLAMM, Der Schatzstein im Walde beim Todtnauer Wasserfall, in: Badisches Sagenbuch - Sagen Freiburgs und des Breisgaus. Band 2., Seite 161 - 162. 1899.
4 WAIBEL & FLAMM/ wie Anm. 2) S. 162
5 THEODOR HUMPERT, Der Schatzstein, in: Todtnauer Chronik. 1959.
Seite 238 - 239.
6 ALBRECHT SCHLAGETER, Todtnau im Zeitalter der Französischen Revolution 1792 - 1814, Seite 123 f., in: Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau, 1989.
7 LUDWIG VÖGELY , Sagen aus dem Markgräflerland, 1989
8 VÖGELY, Der Schatzstein, in: Sagen aus dem Markgräflerland, Nr. 155,
Seite 98 - 99.
9 HELGE DETTMER, Sagen, Märchen, Legenden und Aberglaube aus Südbaden 1987.
10 DETTMER/ wie Anm. 9) Der Schatz-Stein im Walde beim Todtnauer Wasserfall,
S. 148.
11 BENNO DÖRFLINGER, Wiederaufnahme des Bergbaus im 18. Jahrhundert, in:
Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau. 1989, Seite 213 - 247, hier: 242.
12 ANONYMUS (NN), Vor 50 Jahren - Schatzgräber im Schwarzwald, in: Badische Neueste Nachrichten, Ausgabe vom 7.12.1957.
13 ARNOLD STURM, Der Schatzstein von Todtnauberg, in: Bilderschau der Freiburger Zeitung, Nr. 10 vom 5.3.1927, Seite 6.
14 DÖRFLINGER/wie Anm. 5) S. 242.
15 ALBRECHT SCHLAGETER, Geschichte des Todtnauer Silberbergbaus, in: Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau, 1989, Seite 181 - 212.
16 GEORG AGRICOLA (1556), Vom Berg- und Hüttenwesen, Fünftes Buch, dtv-reprint 6085. 1994. München. Seite 98 - 119.
17 ALBRECHT SCHLAGETER Durststrecke der mageren Jahre 1360 - 1470, Seite 60, in: Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau, 1989.
18 SCHLAGETER/ wie Anm. 15) S. 196
19 SCHLAGETER/ wie Anm. 15
20 WILHELM STELLING, Das Markscheidewesen am Rammelsberg - ein Beitrag zur Berufsgeschichte, in: Das Markscheidwesen 99. Nr. 4., 1992, Seite 293 - 302.
21 STELLING/ wie Anm. 20) S. 301
22 SCHLAGETER/ wie Anm. 15) S. 205
23 GERHARD KNITTEL, Zur Entwicklung der Kompasse und der Kompaßmessungen im mitteleuropäischen Bergbau und zum Alpenkompaß bei Georgius Agricola, in: Neue Bergbautechnik, Jg. 14. 1984. S. 155-158, hier: 155 - 156
24 KNITTEL/ wie Anm. 23) S. 155 - 156
25 KNITTEL/ wie Anm. 23) S. 156
26 VERNIER/ wie Anm. 2
27 SCHLAGETER/ wie Anm. 17) S. 39
28 SCHLAGETER/ wie Anm. 17
29 R. METZ, R. & G. REIN, Erläuterungen zur geologisch-petrographischen Übersichtskarte des Südschwarzwaldes 1 : 50.000. 1958.
30 SCHLAGETER/ wie Anm. 15
31 ALBRECHT SCHLAGETER, „Ein herrlich reich volckh“ - Todtnau zur Blütezeit des Silberbergbaus von 1300 - 1360, in: Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau, 1989. Seite 27 - 38.
32 SCHLAGETER/ wie Anm. 17
33 SCHLAGETER/ wie Anm. 17
34 VERNIER/ wie Anm. 2
35 METZ/ wie Anm. 29
36 STELLING/ wie Anm. 20) 293
37 STELLING/ wie Anm. 20) 294
38 STELLING/ wie Anm. 20) 295
39 SCHLAGETER/ wie Anm. 15
40 ALBRECHT SCHLAGETER, Todtnau im Zeitalter der Reformen 1474/76 - 1564/65, in: Todtnau - Stadt und Ferienland im südlichen Hochschwarzwald. hg. von der Stadt Todtnau, 1989. Seite 63 - 86.
41 SCHLAGETER/ wie Anm. 15) S. 202
42 SCHLAGETER/ wie Anm. 15) S. 205
43 SCHLAGETER/ wie Anm. 15
44 DÖRFLINGER/wie Anm. 5) S. 242.
45 DÖRFLINGER/wie Anm. 5) S. 242.
46 STELLING/ wie Anm. 20
47 SCHLAGETER/ wie Anm. 15
6. Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 1 : Der Kreuzfelsen, auch „Schatzstein von Todtnauberg“ genannt
Abb. 2: Schatzstein bei Waibel 6 Flamm
Abb. 3a: Kreuzfelsen: Gesamtansicht der 15 Meißelmarken
Abb. 3b: Meißelmarken (Zeichnung)
Abb. 3: Die 15 Meißelmarken des Kreuzfelsens (1 : 10)
Abb. 4: Dreieckskonstruktionen (auf der Basis von AGRICOLA)
Abb. 4: Legende Dreieckskonstruktionen (1 : 10)
Die Winkelangaben 50°, 65° und 75° beziehen sich auf ? der Dreiecke A1 - 3, B1 - 3, C 1 - 3, welche alle rechtwinklig sind (Lotlinie CB). Die Winkelangabe von 15° bezieht sich auf die EW-Achsenneigung des Radsymboles, auf der auch der überstumpfe Winkel von 270° liegt.
Abb. 5: Übersicht (Gauch 1 und 2 sowie Hangloch 1 mit Mühleboden
Legende Abb. 5: Gauch 1 und 2 sowie mit Hangloch 1 (1 : 5000)1 Kreuzfelsen (mit geogr. N-Linie)
2 Todtnauberger Wasserfälle
3 Stübenbach (Pfeile = Fließrichtung)
4 Schönenbach (Pfeile = Fließrichtung)
5 Gauch 1 mit heutigem Stollenmundloch
5a Gauch 1 mit historischem Stollenmundloch
6 Gauch 2
7 Landmarke Mühleboden
7a Hangloch 1
8 Wasseraustritt (Quelle)
9 Felsblock mit Winkelfunktion am Stübenbach
10 Lachentanne mit Grenzpunktfunktion unterhalb Gauch 2 am Schönenbach
11 Detailausschnitt der DG 1: 5000 des Schönenbach unterhalb von Gauch 2, auf
die L-Form gedreht
12 Linke Kreuzmarke am Kreuzfelsen mit Zugrichtung (Z) und geol. Streichen (GS)
13 Rechte Kreuzmarke am Kreuzfelsen mit Zugrichtung (Z) und geol. Streichen (GS)
14 AB-Strecke (rechter Winkel zum Kreuzfelsen: Punkte 5a - 9 - 1) mit historischem
Mundloch von Gauch 1
15 Überstumpfer Winkel mit 270° auf der geol. Streichrichtung von 15°
Abb. 6 : Gesamtübersicht
Abb. 6: Legende Gesamtübersicht Todtnauberg (1 : 10.000)1 Kreuzfelsen (mit geogr. N-Linie)
2 Todtnauberger Wasserfälle
3 Stübenbach (Pfeile = Fließrichtung)
4 Schönenbach (Pfeile = Fließrichtung)
5 Gauch 1
6 Gauch 2
7 Hangloch 1
8 Geol. Streichen unter Zugabe der Deklinationdifferenz + 8° NE
9 Zugrichtungen unter Zugabe der Deklination
10 Historischer Standort des großen Radschachtes
11 N-Linie (geographisch)
12 Gipfelwinkelpunkt des Radschert
13 Unteres Hangloch (unterhalb der Wasserfälle)
13a Oberes Hangloch (oberhalb der Wasserfälle)
14 Vorderer Berg
15 Die große Schlipf-Halde
16 Die Erz- und Mineralzonen von Todtnauberg (nach METZ, SCHLAGETER und
eigenen Untersuchungen)
Abb. 7: Quellmulde (Meßstange 2,20 m) mit Blick auf die in Zugrichtung liegende
Hangrutschung mit abgetautem Schnee im Februar 1996 (Hangloch 1)
Abb. 8: Felsblock am Stübenbach (mit Winkelfunktion Kreuzfelsen - Gauch 1)
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